Die St. Anna-Kapelle zu Hemmern

(Quelle: Heinrich Kühle)

Hemmern gehört von jeher zur Pfarrei Altenrüthen und hat als letztes Dorf dieses Kirchspiels eine Kapelle erhalten: die St. Anna Kapelle von 1709, deren Bau durch eine Legende verklärt wurde. Demnach hätten zwei Engel mit brennenden Kerzen in den Händen schon lange vor Ausführung des Baus den von Gott gewünschten Standort des Heiligtums angezeigt; es waren wohl Irrlichter, Sumpflichter. Nachdem die St. Anna Kapelle zunächst vom Rüthener Kapuzinerguardian benediziert war, wurde der Grafschafter Abt Coelestin am 24.August 1711 vom Weihbischof von Köln damit beauftragt, die Kapelle und den Altar feierlich zu konsekrieren.

Da sich Hemmern der Verlegung der Kreuzvikarie von Altenrüthen nach dort widersetzte, das durch den Siebenjährigen Krieg verarmte Dorf "könne diese Belastung nicht tragen" trennte der Kurfürst und Erzbischof von Köln diese Pfründe wieder von Hemmern, verlegte sie an die Kirche zu Menzel, wo sie auf Dauer auch nicht gehalten werden konnte. Schließlich wurde sie als Schulvikarie nach Altenrüthen zurückverlegt. Die seelsorgliche Betreuung Hemmerns wurde von Köln den Kapuzinern von Rüthen "mit Lust und Last" übertragen, dauerte aber nur bis zur Ausweisung der Patres aus Rüthen durch die neue Hessische Regierung am 06. April 1804.

Schon bald nach der Erbauung der ersten Kapelle dachten die Hemmeraner an eine Erweiterung oder gar an einen Neubau der Kapelle. Pläne wurden genug gemacht, Baupläne angefertigt; aber der 1. Weltkrieg und die folgenden Notzeiten ließen alle Planungen scheitern. Der Zustrom der Ostvertriebenen in den Westen zwang auch Hemmern zu einer Lösung des Kapellenproblems. In einer beispielhaften Opferfreude und mit Hilfe des Paderborner Generalvikariats wurde dieses Problem glücklich gelöst.

Darum war es eine verständliche Freude für die Bevölkerung, als nach jahrzehntelangem Planen am 18. Oktober 1959 die neue St.Anna Kapelle unter größter Beteiligung der Kapellengemeinde in feierlicher Form benediziert wurde. Alle Gemeindemitglieder, auch die nun in der Fremde weilenden, hatten finanzielle Opfer auf sich genommen. Die neue Kapelle war ein Schmuckstück, eine Meisterleistung des Architekten Stiegemann aus Warstein geworden.

Dazu eine kleine Anmerkung: bei den Abbrucharbeiten stieß man auf eine ganz besondere bauliche Eigenart, die die geistige Mitwirkung der Rüthener Kapuziner beim Bau verriet. Das Chor der Kapelle von 1709 war nicht, wie man zunächst annahm, leicht zur Seite hin "verschoben" und der Steinsockel des Altars "schief" angelegt - also ein Fehler des Baumeisters - ,sondern ein mittelalterlicher Brauch beim Bau von Franziskanerkirchen. Man schob die Mittelachse der Chorrückwand etwas zur Seite, um anzudeuten "Christus neigte sein Haupt und starb". Im 18. Jahrhundert noch ein Rest alter, franziskanischer Kreuzesmystik!

Der 18. Oktober 1959 war dann ein Tag der Freude und des Dankes. Heller Sonnenschein über dem Dorf an der Haar, kräftiger Herbstwind von der Kammhöhe her, bunte Fahnen und Winkel in lustigem Windwirbel, herbstlich gefärbtes Laub auf Baum und Strauch, letztes Blühen in den Hausgärten und um das Kruzifix am Wege, festlich gekleidete und hochgestimmte Menschen auf der Dorfstraße, herzliches Begrüßen und frohes Wiedersehen von Verwandten und Bekannten. Gäbe es einen schöneren Rahmen zu dem seit Generationen kaum denkwürdigeren Tag in der Geschichte des so idyllisch in der Senke zwischen zwei Höhenzügen des Haarstranges gelegenen Dorfes? Hemmern erlebt das seltene Fest einer Kirchweih, die Weihe seiner neu gewordenen Kapelle.

In dem während der Bauzeit notdürftig als Sakralraum hergerichteten Saale des Gasthauses Krane versammelt sich noch einmal die Gemeinde, um sich darauf in festlichem Zuge zur neuen Kapelle zu begeben. „Mutter Anna, dir sei Preis!“ hallt es durch das kleine Dorf. Die Benediction (Segnung) eines Gotteshauses vollzieht sich nach streng liturgischem Ritus unter sinnvollen Zeremonien. Dechant Kühle, Pfarrer von Altenrüthen, wozu die Gemeinde seit jeher gehört,


nimmt die Weihe an diesem unvergesslichen Sonntag vor. Zunächst wird der Außenbau mit geweihtem Wasser besprengt.

„Asperges me hysopo...!“ mit der Bitte um Tilgung von Schuld und um Gottes Erbarmen schreitet der Priester um die Kapelle, während die Gemeinde mit den übrigen Klerikern das Miserere singt. Das sich dem flectamus genua anschließende Gebet zu Gott, der allerseligsten Jungfrau und der hl. Mutter Anna endet wie ein Esorcismus: „Möge hier alle teuflische Bosheit weichen!“ Der benedizierende Priester nähert sich schrittweise dem Altar, um kurz vor der Kommunionbank, auf blanken, harten Steinfliesen kniend, mit den im Eingang der Kapelle verharrenden Klerikern und der draußen dicht gescharrten Gemeinde der Gläubigen die Litanei von allen Heiligen zu singen. Anruf von innen nach außen, Antwort von außen ins Innere... so erflehen Prister und Volk im uralten Wechselgesang Gittes Gnade und Barmherzigkeit. „Segne dieses Haus, o Herr, das Dir zu Ehren ward gebaut!“ diese so oft wiederholte Bitte findet sodann ihren sichtbaren Ausdruck in der Besprengung auch des Innenraumes mit Weihwasser. Nach einem letzten Bittgebet schreiten die Kleriker, schreitet schließlich die gläubige Gemeinde in die geweihte Kapelle, ein für all unvergesslicher Augenblick, das merkt man an der behutsam feierlichen Art und der gesammelten Ergriffenheit, mit der jeder einzelne unter den Klängen des Orgelspiels in der schönen und von liebevollen Händen festlich geschmückten Kapelle seinen Platz einnimmt. Wiederum erklingt die großartige Pfingsthymne, abgelöst von dem in mächtiger Freude und festem Glauben gesungenen Taufgelübde, und dem gläubig frommen Fronleichnamsgesang: „Deinem Heiland, deinem Lehrer... Sion stimm ein Loblied an!“

Denn nach kurzer Weile wird das hochwürdige Gut vom Dechanten aus dem bisherigen gottesdienstlichen Raum in den Tabernakel, das Herzstück der neuen Kapelle getragen, Dechant Kühle zelebriert sodann das Levitenhochamt unter der Assistenz des Franziskanerpatres Simon und Clementin. Sie sind in Hemmern liebe, alte Bekannte, da sie schon seit Jahren im Turnus mit anderen Konfratres des Paderborner Konvents allsonntäglich hier den Gottesdienst feiern. So war es auch gerade selbstverständlich, dass Pater Simon die Festpredigt hielt. Er stellte in den Mittelpunkt seiner Gedanken das seit den Anfängen der Menschheit spürbare Bedürfnis, Gott ein Haus zu bauen, insbesondere, Gott im christlichen Sinne eine Wohnung unter den Menschen zu schaffen. Pater Simon dankt allen, die geholfen haben am Gelingen des guten Werkes und schließt mit der Bitte: „O laß im Hause Dein, uns all geborgen sein!“ Was der Festprediger außerdem zur Geschichte des Kapellenbaus sehr schön in seine Predigt einflechten konnte, darüber – und auch über den Neubau selbst – soll später noch besonders berichtet werden. Weitere Höhepunkte seien herausgegriffen: Zum ersten Male wird in der neuen Kapelle das Gloria angestimmt, das Evangelium gesungen, werden zum ersten Male die Konsekrationsworte gesprochen, steigt Christus zum ersten Male auf den Altar herab. (Zum Zeichen hierfür zündet einer der Ministranten das Ewige Licht an.)

Zum ersten Male teilt der Priester nach eigener Kommunion den Leib des Herrn an die Gläubigen aus, erstmalig erklingt das „Ite Missa est“. (spätlateinisch für ‚Gehet hin, ihr seid gesandt‘, wörtlich ‚Geht, das ist die Entlassung‘ bzw. ‚Geht, sie ist gesandt‘), in der deutschsprachigen Fassung Gehet hin in Frieden, ist der Entlassungsruf am Ende der heiligen Messe im römischen Ritus.

Im Jahre 1711 wurde, wie im Informationsbuch der alten Kapelle zu lesen ist, ihre „Benediction mit dem Te Deum Laudamus Solemniter (feierlich) becshlossen“. So auch heute. Wie mächtig man doch an der Haar den Ambrosianischen Lobgesang singen kann! Wahrlich, heute hätte er mit Recht die Posaunen von Jericho beschämen können... Andächtig beugen die Gläubigen zum ersten sakramentalen Segen in der neuen Kapelle das Knie, feierlich senken sich die Fahnen – welch erhabenes Bild, insbesondere, da die noch kräftige Herbstsonne ganze Bündel roter, grüner, gelber und blauer Strahlen über die den eucharistischen Heiland anbetende Menge gießt. Unter seinem Glanz leert sich allmählich die nun wieder so schön neu erstandene und darum auch erst recht wieder „lobwürdige Anna-Kapelle“.


Am Abend versammelte sich das Dorf zu einer Feierstunde im Saale des Gasthauses Krane. Dem Tage angepasst waren die Ansprachen, die gehalten wurden: Ihr Grundtenor waren Freude und Dank. Dechant Kühle gab noch einmal einen kurzen historischen Überblick und legte, ähnlich wie vorher Pater Simon es tat, auseinander, wie es von den ersten Gesprächen über mehrere Planungen zu dem endlich vollendeten Werk kam. Leider war Architekt Stiegemann, Warstein, der hier etwas Mustergültiges geschaffen hat, durch Krankheit am Kommen verhindert. Bürgermeister Josef Ising, Hemmern, dankte ebenfalls nach seinen Begrüßungsworten allen, an die der Ruf zum Helfen nicht ungehört erging, insbesondere abe auch den unermüdlichen Handwerkern des Dorfes.

Die Anwesenheit von Landrat Schröder aus Hoinkhausen wurde mit besonderer Freude empfunden. Er kam auch nicht mit leeren Händen, sondern überreichte dem Bürgermeister einen verschlossenen Briefumschlag, der gewiss eine namhafte Spende enthielt. Er sprach auch zugleich für die Kreisverwaltung Lippstadt den Dank und die Anerkennung aus und machte sich, wohl im Auftrage von dem ebenfalls anwesenden Amtsdirektor Kooke, zum Sprecher des Amtes Rütehm. So endete der Tag in Dank und Freude.

                                                             

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Kapelle 1952                                                                                              Altar der „alten“ Kapelle
kapelleheute
heutige Kapelle


Die Glocke(n)

  • Die Glocke der „alten“ Kapelle stammte aus Köln. Sie wurde im Jahre 1942 (während des 2. Weltkrieges) abgenommen und für Rüstungszwecke eingeschmolzen
  • 1945 wurden dann als Ersatz eine Stahlglocke in den Dachreiter der Kapelle einegesetzt
  • Diese Stahlglocke wurde im Laufe der Zeit marode und musste durch eine neue Bronzeglocke im Jahr 2005 ersetzt werden. Am 22. Juli 2005 wurde sie vom Altenrüthener Pfarrer Bernd Mönkebüscher feierlich während des Schützenhochamtes geweiht. Die Inschrift der neuen Glocke lautet wie folgt:

St. Anna Hemmern 2005

+ Gegossen im Jahr des Heimgangs von Papst Johannes Paul II. + der Wahl von Benedikt XVI. + des Weltjugendtages in Köln 2005 +

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