Das Ehrenmal

Zur typografischen Einordnung und zum ideologisch- zeitgenössischen Verständnis des Denkmals in Hemmern bedarf es einiger grundlegenden Ausführungen, auch zu den politi­schen „Mentalitäten“ der seinerzeit Beteiligten:

Die älteren Erinnerungsmonumente und Mahnmale an die Kriegstoten der Weltkriege haben alle ihre eigene Entstehungs-, Herkunfts- und Bedeutungsgeschichte.

Nach dem 1. Weltkrieg zeigte sich in der Darstellungsform dieser Monumente zunächst eine Abwendung vom Weltlichen und eine bewusste Hinwendung zum Religiösen in der Gestaltung der Gefallenendenkmäler.

In vielen Dörfern kam es folglich zwischen 1920 und 1925 sowie bis 1933 zur Errichtung bzw. Gestaltung von sakral bestimmten Denkmälern und Epitaphien (Ehrentafeln in Kirchen und Kapellen) mit christlich tröstendem oder auch christlich heroisierendem Charakter.

So suchte man in der Darstellung der leidenden Gottesmutter Schutz und Trost. Bei den sak­ralen Passionsdarstellungen traten derartige Pietaskulpturen als Gefallenendenkmäler häufi­ger auf, so z.B. 1923 in Rüthen (Gedenkstätte auf dem Friedhof).

Die in diesen religiösen Ausgestaltungen der Gefallenenmahnmale bewusst gemachte Sinn­stiftung eines christlich verstandenen Soldatentodes mit einer ihr eigenen relativen Aus­drucks- und Gehaltspassivität aber widersprach der Ideologie des Nationalsozialismus ab 1933. Sie beanspruchte die völlige weltliche Vereinnahmung der Gefallenen für ihre politi­schen Zielsetzungen und forderte daher Kriegsdenkmalpropaganda im Sinne eines eindeuti­gen Sterbens für Deutschland als das „neue deutsche Reich Adolf Hitlers“.

So forderte auch am 23.06.1934 der kommissarische Lippstädter NS-Landrat Dr. Flottmann die Gemeinden im Kreis Lippstadt auf, der Ideologie des NS-Systems entsprechende neue „Heldengedenkstätten“ zu schaffen, wenn eine solche vor Ort noch nicht vorhanden sei. An solchen Denkmalvorhaben mit dem Ausdruck militärischer Heroisierung sei aber auf jeden Fall die NSDAP vor Ort zu beteiligen. Flottmann wörtlich:

„Der (erste) Weltkrieg war kein Ringen in demütiger Ergebenheit unter dem (christlichen) Kreuz, sondern ein Kampf, der mit trotziger Entschlossenheit aufrecht und mannhaft geführt worden ist von Männern, die auf nichts vertrauen konnten als auf ihren Mut und ihr gutes Recht.“

Als Folge entstanden nach 1933 kaum noch Gefallenenehrenmale mit sakraler Symbolik. Die zu ehrenden Toten galten nun als Vorbildfiguren für die weltliche, totalitäre Heldenerziehung im NS-Geist.

Dies wurde konkret durch die Anbringung von Hakenkreuzen an den neuen Kriegerdenkmä­lern (so auch in Hemmern) verdeutlicht: Vergangenes Heldentum und zukünftiger Soldaten­tod standen so im Sinne der NS-Ideologie in völligem Einklang miteinander.

Die Forderungen des NS-Landrats hatten vor allen Dingen in den Gemeinden Erfolg, wo bis­lang kein Großdenkmal vorhanden war und nur eine einfache „Ehrentafel“ in der Kirche oder Kapelle (wie in Hemmern) existierte.

So entstanden in der Folgezeit in den Gemeinden des Amtes Altenrüthen/Rüthen mehrere Außendenkmäler.

Etwaigen, oft in Hinsicht auf die Kosten aufkommenden Hinweisen der Bürgermeister auf die bereits vor Ort vorhandenen „Ehrentafeln“ in den Kirchen und Kapellen begegnete der Rüthe­ner Amtsbürgermeister Franz Pöggeler mit der, der Auffassung des Landrates konformen, ka­tegorischen Feststellung: „Ein Ehrenmal in der Kirche genügt nicht!“ (Schreiben an den Bür­germeister von Hemmern vom 08.08.1934)

Denn am 22.07.1934 hatte der Gemeindevorsteher Josef Ising (Hemmern) an ihn folgendes geschrieben:

„Meiner Ansicht nach wird es nicht möglich sein wegen der finanziellen Lage, für die gefalle­nen Soldaten unserer Gemeinde ein Ehrenmal zu setzen. Eine Gedenktafel ist bereits seit lan­gen Jahren in unserer Kapelle vorhanden, auf der die fünf Namen der gefallenen Söhne unse­rer Gemeinde stehen.“

Ising berichtet dann am 29.08.1934 dem Amtsbürgermeister über das weitere Vorgehen im Sinne des Landrates bzw. Pöggelers vor Ort:


„Zur Errichtung eines Ehrenmals für die Toten des Weltkrieges in unserer Gemeinde ist ein Ausschuss gebildet worden, der die Sache in die Hand genommen hat, um für die Platzfrage, Entwurf und Finanzierung zu sorgen. Da aber noch Erdarbeiten zu leisten sind, wird es wohl Frühjahr darüber werden bis zur Fertigstellung.“

Am 28.11.1934 informiert er den Amtsbürgermeister über die Finanzierungsplanung für das Vorhaben:

„Die hierzu benötigten Gelder in Höhe von ca. 2.000 RM sollen vom Erlös aus dem Verkauf des elektrischen Ortsnetzes genommen werden. Der Herr Amtsbürgermeister wird gebeten, so bald wie möglich, die Genehmigung der Aufsichtsbehörde zu bewirken.“

Dementgegen aber schlug der Amtsbürgermeister vor, die voraussichtlichen Mittel im Haus­haltsplan 1935 auszuweisen. Gleichzeitig kündigte er bei der Sparkasse Rüthen vom Spar­buch der Gemeinde Hemmern den Betrag von 2.000 RM.

Da das Denkmal auf einem Platz errichtet werden sollte, der der Kapellen-Gemeinde Hem­mern gehörte, wollte der Kapellenvorstand, so Pöggeler, dieses Grundstück für 1,- RM/qm verkaufen. Dagegen aber sperrte sich vehement der Altenrüthener Pfarrer Soreth, der diesen Platz in Größe von 0,5 Morgen nur gegen „Herausgabe“ von 2 Morgen Gemeindeland abgeben wollte. Soreth beschwerte sich bei Pöggeler scharf über dessen Denk- und Vorgehensweise:

„Sollte dort die Auffassung vertreten sein, als wenn ich überhaupt gegen ein Kriegerdenkmal sei, so muss ich mir dies aufs Entschiedenste verbitten. Auch jeden anderen Verdacht oder vielmehr Verdächtigung muss ich als unbegründet weit von mir weisen. Ich erlaube mir nur noch, Ihnen das mitzuteilen, dass der Beschluss (des Kapellenvorstandes) unter der Voraus­setzung der Genehmigung der Erzbischöflichen Behörde gefasst ist, es also gar nicht in mei­nem Ermessen gestellt ist, ob der Wunsch der Gemeinde erfüllt werden kann.

Übrigens werde ich doch noch meine Meinung äußern dürfen und die Belange der Kirchenge­meinden vertreten dürfen, was mir auch von der politischen Verwaltung nicht verwehrt wer­den dürfte!“

Nach weiteren Verhandlungen, vor allem seitens des örtlichen NSDAP-Zellenleiter trat dann die Gemeinde Hemmern der Kapellengemeinde für die Übereignung des Denkmalplatzes eine gleich große Fläche Land an der Haar ab.

Die Verwirklichung des Vorhabens dauerte dann aus all diesen Gründen schließlich doch bis Mitte des Jahres 1937.

Bereits im Februar 1936 aber hatte schon der Baugewerksmeister (Bau-Ing.) F. Ebbers aus Anröchte im Auftrag des Bürgermeisters Josef Ising eine Baubeschreibung des vom Ausschuss geplanten Denkmals und seines Standortes vorgenommen:

„Das Baugelände hat einen felsigen Untergrund. Der sich in demselben angesammelte Schlamm und Schutt wird bis auf den festen Grund ausgehoben, sodann wird eine 0,40 m starke Zementbetonschicht mit Eisendrahteinlage hergestellt, welche nach jeder Seite 0,50 m größer ist als die untere Sockelstufe des Ehrenmals. Bis unter die untere Stufe wird ein Bruchsteinmauerwerk in Naturstein in Zementmörtel gemauert als Sockel aufgeführt. Der Hohlraum zwischen den Stufen wird dicht ausgemauert. Die Stufen sowie das Ehrenmal sollen in grünem Anröchter Dolomitstein aufgeführt werden, die Bekrönung desselben wird durch einen Bronze-Adler dargestellt.

Das Ehrenmal soll der örtlichen Lage entsprechend, an der Kreuzung der Straßen Büren – Rüthen und Meiste aufgestellt werden. Die Straßenfronten werden auf je 10 m mit einer 0,18 m starken Betonmauer begrenzt, deren obere Abschlussplatte aus gleichem Material besteht wie das Material des Ehrenmals. Den Hintergrund bildet eine noch zu beschaffende Erderhö­hung mit der in der Gegend vorkommenden Anpflanzung.

Die in der Zeichnung ersichtliche Achse ist maßgebend zur Aufstellung des Ehrenmals. Alles Übrige dürfte aus den anliegenden Plänen ersichtlich sein.“

Neben dem Entwurf von Ebbers (ein geschwungenes, spitz zulaufendes Postament) reichte auch der Bildhauer Franz Rellecke aus Berlin bzw. Belecke am 03.07.1936 eine eigene Skizze ein (Ansicht: Gemauerte Natursteinwand mit eingelassener Natursteinplatte; darauf das Mo­tiv: Toter Soldat auf der Bahre).

Anmerkung: Die erwähnten Zeichnungen und Pläne sind erhalten!  Die endgültige, heute noch vorhandene Ausführung des Denkmals als Skizze/Entwurf des Stadtbaurates Jae­ger/Dortmund ist allerdings nicht überliefert.


Amtsbürgermeister Pöggeler hatte inzwischen Kontakt zu dem ihm (wohl aus seiner Zeit als Bürgermeister in Letmathe bis August 1933) bekannten Dortmunder Stadtbaurat Jaeger, der vermutlich schon an Kriegerdenkmäler vor Ort beteiligt war, aufgenommen.

Am 17.03.1937 fand eine Ortsbesichtigung mit folgenden Teilnehmern statt: Stadtoberbaurat Pabst/Dortmund, Stadtbaurat Jaeger/Dortmund, Amtsbürgermeister Pöggeler/Rüthen, Bür­germeister Ising/Hemmern, Gemeinderat Fisch/Hemmern. Im Protokoll heißt es:

Von den Sachverständigen wurde der Platz als ideal bezeichnet. Das zu schaffende Ehrenmal müsse sich jedoch in die Umgebung einpassen. Das sei bei den beiden ersten Entwürfen nicht berücksichtigt. Die Sachverständigen erklärten, wie sie sich das Denkmal dachten und ver­sprachen, ein kleines Modell hierfür unentgeltlich ausarbeiten zu lassen. Sie baten, hierfür noch 2 – 3 Fotografien von dem Platz ihnen einzusenden, was Bürgermeister Ising zusagte. Es soll heimisches Gestein verwandt werden, wie in der Umgebung. Auf meine (Pöggelers) Frage, welche Entschädigung für die Reise von Dortmund gewünscht werde, gab Baurat Jae­ger 10 RM an.

Am 26.06.1937 schrieb der Amtsbürgermeister an Ising:

„Bezugnehmend auf die vor wenigen Tagen gehabte Rücksprache mit meinem Sachbearbeiter teile ich Ihnen, wie ich das auch bereits selbst mündlich getan habe, mit, dass zu der Errich­tung des Ehrenmals in Hemmern, außer der bereits vorliegenden Genehmigung des Denkma­lentwurfes durch den Herrn Regierungspräsidenten auch die Bauerlaubnis durch den Herrn Landrat erforderlich ist, bevor mit dem Bau begonnen wird. Dieses ist schon aus verkehrspo­lizeilichen Gründen notwendig, da das Denkmal an der Kreuzung von zwei Kreisstraßen auf­gestellt werden soll. Ich ersuche Sie daher, die erforderlichen Unterlagen baldigst anzulegen. (Vermerk: Polizeimeister Steinmann zur gefl. Kenntnis und Überwachung).“

Steinmann in einem Vermerk vom 08.07.1937:

„Ich bin heute an Ort und Stelle gewesen und habe festgestellt, dass die Einfriedigung an den Strassen und das Fundament des Ehrenmals bereits fertiggestellt sind.“

Vermerk Pöggelers vom 12.07.1937:

„Die baupolizeiliche Genehmigung ist heute nachgesucht.“

Bereits am 13.05.1937 hatte Pöggeler an den mit ihm bekannten Dortmunder Stadtbaurat Jaeger geschrieben:

Ich danke herzlichst für Ihre Karte vom 29. April. Die Skizzen von dem Denkmal in Hemmern sind leider noch nicht eingegangen. Da ich in den letzten Wochen von der Gemeinde wieder­holt dringend gebeten worden bin, Sie um die Fertigstellung der Skizzen zu bitten, so wäre ich Ihnen dankbar für die baldige Zusendung. Meine Frau und ich laden Sie und Ihre Familie gleichzeitig ein, uns in nächster Zeit einmal zu besuchen.“

Vermerk Pöggeler vom 19.05.1937:

„Die Zeichnung (des Denkmals) ist inzwischen eingegangen und dem NSDAP-Zellenleiter (zur Begutachtung und Genehmigung) übersandt.“

Bis zum Kriegsausbruch 1939 kam es in 3 Rüthener Amtsgemeinden zur Errichtung von Denkmälern mit Ganzkörperfiguren von Soldaten (Kneblinghausen, Westereiden, Meiste), in Hemmern aber zur Ausgestaltung eines sogen. Adlerpfeilers (nach Vorbild des Ebbers­Entwurfes, die endgültige Ausführung aber nach der Umskizzierung von Jaeger/Pabst).

Ein nahezu identisch projektierter Adlerpfeiler in Effeln kam wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr zur Verwirklichung..

Alle diese 4 Denkmäler wurden nach dem Ende des II. Weltkrieges um die 2. „Heldengenera­tion“ von Gefallenen ergänzt.

Lediglich die Nazisymbole wurden beseitigt. Der Ausdruck- bzw. Aussagegehalt dieser genui­nen NS-Denkmäler aber blieb nachhaltig bis heute bestehen.

1937 wurde der Adlerpfeiler in Hemmern schließlich als Stele im Stil des damaligen NS-Monumentalismus errichtet Den zur endgültigen Ausführung kommenden Entwurf dazu ver­mittelten die Dortmunder Stadtbauräte Jaeger und Pabst.

Über dem Hakenkreuz, dass nach dem Krieg zu einem (neutralen) Ornament umgestaltet wurde ist folgender, völlig im erwähnten NS-Geist stehender Sinnspruch angebracht, die bis heute dort lesbar ist:

„Ein freier Deutscher kennt kein kaltes Müssen,

Deutschland muss leben – und wenn wir sterben müssen.“


Im Sinngehalt dieses Spruches wurden folglich nach dem Krieg auch die Namen der 1939-45 „für Deutschlands Leben“ umgekommenen Soldaten aus Hemmern auf dem Denkmal ange­bracht.

Bei dem Spruch handelt es sich um die Schlusszeilen des von Heinrich Lersch 1914 verfassten Gedichts „Soldatenabschied“. Dieses Werk erlebte in der NS-Zeit eine ideologisch-propagandistische Neublühte und findet sich daher auch an anderen Kriegerdenkmälern des Dritten Reiches wieder. Seit Ende der 60er Jahre forderte man vielerorts die Beseitigung die­ser „kriegslüsternen“ Devise.

In der modernen Fachliteratur wird zu dieser Inschrift in Hemmern ausdrücklich vermerkt:

Ob in dem westfälischen Dorf dieser Sinnspruch als „Mahnung vor geschichtlichen Irrtü­mern“ verstanden wird (...) darf angezweifelt werden. (vgl. Bach, Martin; Studien zur Ge­schichte des deutschen Kriegerdenkmals in Westfalen und Lippe, Frankfurt/M., Bern, New York 1985, S. 295)

Sonstige Quellen: Stadtarchiv Rüthen, Amt Rüthen B 98, Bd. 2.

Derzeit beschäftigt sich die Gemeinde Hemmern mit der Frage, wie man mit Geschichte um­geht und vor allem mit einem Relikt dieser Geschichte, das aus heutiger Sicht unpassend er­scheint.


ehrenmalzeitung

Copyright 2011 Das Ehrenmal. Hemmern 2018
Free Joomla Theme by Hostgator